Kundgebung: Gebraucht, beklatscht, aber bestimmt nicht weiter so! Tag der Pflege 12. Mai 2021, Berlin-Mitte, Am Neptunbrunnen
Bildnachweis: Martin Heinlein

Mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen für gute Gesundheit – Personalmangel gefährdet Patientinnen und Patienten

Aufruf für ärztliche Unterstützung für eine verbindliche Personalbesetzung bei Vivantes und an der Charité Universitätsmedizin Berlin

Die Covid-19 Krise hat uns in den vergangenen Monaten drastisch vor Augen geführt, wie knapp die Personalressourcen in wichtigen Kernbereichen der klinischen Versorgung über die letzten Jahre geworden sind. 

Wir Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinstudierende wissen schon lange aus eigener Erfahrung, wie die aktuelle Personalbesetzung in der Pflege eine an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientierte und pflegerisch und medizinisch anspruchsvolle Versorgung erschwert, manchmal unmöglich macht und dass sie in Einzelfällen Leben gefährden kann.

Den Mangel an Pflegefachkräften und seine Folgen erleben wir jeden Tag: Überlastete Pflege-fachkräfte, eine angespannte Arbeitsatmosphäre, erschwerte Teamarbeit und eine ansteigende Quote krankheitsbedingter Ausfälle aufgrund der Arbeitsbedingungen. 

Mit dem dramatischen Personalmangel in der Pflege verschlechtern sich auch die ärztlichen Arbeitsbedingungen - vor allem aber ist eine qualitativ gute medizinische und pflegerische Versorgung der Patientinnen und Patienten bedroht.

Seit Jahren kommen die Länder ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Investitionen in die Infrastruktur der Krankenhäuser nicht nach – auch nicht das Land Berlin.

Vor dem Hintergrund und in Kombination mit dieser Unterfinanzierung hat das Finanzierungssystem der Fallpauschalen durch Steigerung der Fallzahlen bei gleichzeitig sinkender Stellenzahl zu Arbeitsverdichtung besonders in der stationären Pflege geführt.

Das Konkurrieren um die „kosteneffizientesten Behandlungen“ hat über viele Jahre immer wieder zu Stellenstreichungsrunden in den nicht-ärztlichen Berufen geführt und damit zu den genannten Mängeln bei der Qualität der Patient*innenversorgung beigetragen.

Das vorzeitige Ausscheiden vieler Pflegefachkräfte aus dem Berufsleben und ihre berufliche Umorientierung konterkarieren darüber hinaus Initiativen, die auf verstärkte Ausbildungskapazitäten als Lösung des Fachkräftemangels setzen. 

Bei einer Erhöhung von sechs auf sieben zu versorgende Patientinnen und Patienten pro Schicht und Pflegefachkraft steigt die Mortalität um sieben Prozent (1). Deutschland hat mit durchschnittlich 13 Patient*innen pro Schicht und Pflegefachkraft im europäischen Vergleich eine der schlechtesten Personalquoten (2).

Verbindliche und bedarfsgerechte Personalbesetzungen können diesem Trend entgegen wirken. Mit dieser Perspektive wurde bereits 2015 an der Charité ein viel beachteter Tarifvertrag durch Streik erwirkt. Konkreter werden die Entlastungs-Tarifverträge, die in den letzten Jahren an 15 Kranken-häusern in Deutschland abgeschlossen wurden, da sie bei Nichteinhalten der Pflegefachkraft / Patient*innenquote einen fest vereinbarten Freizeitausgleich vorsehen. 

Eine aktuelle Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen und des SOCIUM der Universität Bremen zeigt auf, dass viele Pflegefachkräfte, die aufgrund von Überlastung Krankenhäusern den Rücken gekehrt haben und sich bei verbesserten Arbeitsbedingungen eine Rückkehr in den Beruf vorstellen können (3). Damit würde sich das von den Personalabteilungen der Krankenhäuser häufig geäußerte Problem der mangelnden Zahl verfügbarer Pflegefachkräfte grundlegend verkleinern.

Die jetzt beginnenden Aktivitäten der Beschäftigten der Vivantes-Häuser und der Charité hinsichtlich eines substantiellen Schritts zu verbindlichen Personalbesetzungsregeln können wir deshalb nur begrüßen. Wir rufen alle Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierenden dazu auf, sich auch im Alltag auf den Stationen für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit den nicht-ärztlichen Kolleginnen und Kollegen solidarisch zu zeigen und damit auch das ärztliche Interesse an einer interprofessionellen Zusammenarbeit im Krankenhausalltag zu demonstrieren.

 

Quellen:

 (1) Linda H Aiken et al., »Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries. a retrospective observational study«, in: Lancet, 24. Mai 2014; 383(9931): 1824–1830 

(2) Linda H. Aiken et. al., »Patient safety, satisfaction, and quality of hospital care: cross sectional surveys of nurses and patients in 12 countries in Europe and the United States«, BMJ 2012; 344:e1717 

(3)https://www.arbeitnehmerkammer.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Politik/Rente_Gesundheit_Pflege/Bericht_zur_Studie_Ich_pflege_wieder_wenn_Langfassung.pdf

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Stand: 07. Juni 2021

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Pressekontakt:  Dr. med. Andreas Wulf, Tel: 0157 7395 4337, email: wulf@medico.de

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